Donnerstag, 30. Mai 2013

REZENSION: Susanna Montua - Seelengier

Seelengier - Susanna Montua 
Koĩos Verlag, 2013
284 Seiten
Taschenbuch 13,40 €
ISBN: 978-3-902837-05-9
eBook: 6,90 €

Mitten in Los Angeles treibt ein Seelensammler sein Unwesen. Doch sein neuester Auftrag ist anders als die bisherigen.
 
Zum ersten Mal hinterfragt er seine Fähigkeiten und dennoch bleibt ihm keine andere Wahl, als seine Arbeit zu erfüllen. Maria ahnt, dass ihr Unheil droht, sie flieht direkt in die Arme von Susan. Jeff wagt das Unmögliche. Plötzlich ist alles anders.
 
Marias Seele scheint spurlos verschwunden, Jeffs Boss rückt ihm auf den Leib und Susan droht durchzudrehen. Um eine Lösung zu finden, bleibt nicht mehr viel Zeit…


Mittwoch, 29. Mai 2013

Lesekatze spitzt die Ohren ...


 ... denn es bahnen sich Neuerungen an ...

Chaya ist schon ganz aufgeregt und kann das Wochenende kaum erwarten ... 

Dienstag, 28. Mai 2013

REZENSION: Ally Condie - Cassia & Ky - Die Auswahl


Cassia & Ky - Die Auswahl - Ally Condie
Band 1
Originaltitel: Matched
argon Hörbuch, 2011
6 Stunden 10 Minuten
Hörbuch 19,95 €
ISBN: 978-3-8398-4009-2

Für die 17-jährige Cassia ist heute der wichtigste Tag ihres Lebens: Sie erfährt, wen sie mit 21 heiraten wird. Doch das Ergebnis überrascht alle: Xander, Cassias bester Freund, ist als ihr Partner vom System ausgewählt worden. Als jedoch, offenbar wegen eines technischen Defekts, das Bild eines anderen Jungen auf dem feierlich überreichten Microchip auftaucht, wird Cassia misstrauisch. Kann das System wirklich entscheiden, wen sie lieben soll?
 

Sonntag, 26. Mai 2013

[INTERVIEW] Jakob Roth über Yalda Lewin


Yalda Lewin
Jakob Roth ist die Hauptfigur in der Thriller-Reihe „Paranormal Berlin“. Als Hochsensibler bringt er seine Fähigkeiten ein, um mysteriöse Kriminalfälle in und um die Hauptstadt zu lösen. Sein erster Fall, „Die dunkle Seite des Weiß“, ist Ende Februar im Aeternica Verlag erschienen (eBook). Die Printausgabe erscheint im Juni im Editia Verlag.
Jakob ist ein Eigenbrötler mit trockenem Humor, der eigentlich am liebsten mit sich alleine ist. Die Chance, etwas über seine Autorin zu erzählen, kann er sich aber nicht entgehen lassen.


Die Luft ist stickig in dem kleinen Raum. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt direkt in sein Gesicht.

1. Was können Sie uns zu Yalda Lewin sagen - los, was müssen wir wissen?
Yalda ist 34 Jahre alt, lebt in Berlin und interessiert sich entsetzlicherweise eigentlich für alles. Und ganz ehrlich? Sie ist anstrengend. Ein Arbeitstier. Es gibt keine ruhige Minute, immer muss irgendetwas getan werden. Wir beide waren in letzter Zeit eindeutig zu oft in einem Raum, würde ich sagen. Andererseits ist sie einer der wenigen Menschen, der meine Hochsensibilität ohne Probleme respektiert. Das passiert mir nicht häufig.

2. Aha, Sie beneiden Yalda Lewin also um etwas? Oder schlimmer, es gibt etwas, was Sie gar nicht leiden können? Wir haben also ein Motiv?
Ich mag es nicht, wenn sie ungeduldig wird. Manche Fälle brauchen eben ihre Zeit und Geschichten müssen sich entwickeln können. Gerade die paranormalen Kriminaldelikte, mit denen ich zu tun habe, erfordern eine besondere Herangehensweise. Und manchmal will Yalda einfach zu schnell zu viel. Dann geraten wir aneinander. Allerdings ist es nie so schlimm, dass sich das nicht bei einem gemütlichen Essen beim Vietnamesen wieder einrenken ließe. Ansonsten ist sie eine fürchterliche Gerechtigkeitsfanatikerin und will ständig die Welt verbessern. Manchmal gibt es dann auch Phasen, in denen Yalda scheinbar besseres zu tun hat, als sich um mich und meine Geschichte zu kümmern. Aber nach einer Weile melde ich mich dann. Das ist die Pflicht einer guten Romanfigur, oder? Ich kann doch nicht zulassen, dass sie das Schreiben vernachlässigt. Und ganz ohne einander können wir ohnehin schon lange nicht mehr. 

3. Das hört sich so an, als würde Yalda Lewin nicht ununterbrochen schreiben - was macht sie denn in dieser Zeit?
Yalda arbeitet als Heilpraktikerin mit Schwerpunkt chinesische Medizin und ist außerdem noch freiberufliche Übersetzerin. Wenn sie nicht in ihrer Praxis oder am Schreibtisch ist, findet man sie entweder im Wald, an einem der Berliner Seen oder beim Tangotanzen. Tango argentino ist eine Leidenschaft von ihr. Und manchmal begleite ich sie auch auf die Milongas. Vielleicht hat sie mir die Begeisterung für den Tango angedichtet, ich bin mir da nicht sicher. Aber es gefällt mir. Auch, wenn ich viel lieber mit meiner Exfrau Mirella tanze, als mit meiner Autorin. Aber verraten Sie ihr das bitte nicht …

4. Ist Yalda Lewin eine Trittbrettfahrerin? Welchem Vorbild eifert sie nach? Ist das nur schriftstellerisch so, oder auch im »normalen« Leben?
Schwierige Frage. Ich bin mir sicher, dass Yalda jede Menge Vorbilder hat, aber sie redet nicht darüber. Wenn man in ihr Bücherregal sieht, dann findet man dort aber z.B. Werke von Fernando Pessoa, Sarah Kirsch, Milan Kundera, Vicki Baum und Max Frisch. Ich weiß, dass sie die heute fast vergessene Schriftstellerin und Journalistin Annemarie Schwarzenbach sehr verehrt. Und was Krimis und Thriller angeht, so gehört die David Hunter – Reihe von Simon Beckett zu ihren Favoriten.
Yalda ist außerdem begeistert von allem, was mit Medizin und Medizingeschichte zu tun hat und hat wirklich einen Vogel, was exakte Recherchen angeht. Sie kann Tage in Archiven und Bibliotheken verbringen. Ich bin zum Glück ähnlich, so dass wir uns miteinander nie langweilen.

5. Gibt es Rituale, die Yalda Lewin beim Schreiben anwendet? Hängt sie bestimmter ritualistischer Musik an, oder gibt es irgendwelche berauschende Nahrungsmittel, die stets griffbereit liegen müssen?
Yalda ist ursprünglich Musikwissenschaftlerin, aber beim Schreiben lenkt Musik sie ab. Es muss absolut still sein. Was dazu führt, dass ich weder meine Klarinette auspacken noch meine geliebten Louis-Armstrong-Platten hören kann, während sie am Schreibtisch sitzt. Sie hat ein Faible für Bitterschokolade und trinkt beim Schreiben gerne einen ganz bestimmten schwarzen Tee, den es hierzulande leider nicht gibt. Deshalb kommen gelegentlich Care-Pakete von Yaldas Familie in Dublin, um Nachschub zu sichern. Gegen ein gutes Glas Rotwein hat sie aber zum Glück auch nichts. Wieder eine Vorliebe, die wir teilen.

 
6. Wie kam Yalda Lewin auf Ihre Spur?
Tja. Wir sind einander so ins Leben gestolpert. Ich war gerade ein wenig orientierungslos, was meine berufliche Zukunft angeht, und Yalda haderte mit ihrem Schreiben. An einem regnerischen Novembernachmittag sind wir uns dann in Berlin Kreuzberg über den Weg gelaufen. Man könnte sagen, es hat sofort gefunkt. Ich mag ihren Humor. Und ich glaube, sie mag es, dass ich ein so komplizierter Mensch bin. Auch wenn sie das nie zugeben würde.

7. Wissen Sie, ob sie sich ihre Opfer immer auf diese Weise aussucht, entstehen ihre Geschichten immer so?
Darüber weiß ich nicht viel. Yalda sagt immer, die Geschichten finden zu ihr, nicht umgekehrt. Wie gesagt, wir sind uns einfach über den Weg gelaufen und es hat gepasst. Letztens habe ich zwei andere Romanfiguren von ihr getroffen, wir waren zusammen ein Bier trinken. Die beiden, Edgar und Lucille, leben auch in Berlin, aber sie kommen aus einer ganz anderen Zeit. Edgar erzählte mir, er hätte Yalda gesehen und ihr einfach seine Geschichte erzählen wollen. Und sie hat zugehört. Das kann sie übrigens wirklich ganz gut. Zuhören. 

8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Verhör mit Ihnen, was macht Sie so besonders für Yalda Lewin?
Das liegt doch auf der Hand, oder? Ich bin die Hauptfigur in ihrem Debütroman! Und den Ersten vergisst man schließlich nicht. 

9. Schauen wir uns doch einmal die Beweise an: Was wird sie als Nächstes tun? Woran arbeitet sie wohl gerade? Heckt sie einen Plan zur Ergreifung der Weltherrschaft aus? Wann werden wir neue Hinweise erhalten?
Die Weltherrschaft wäre vielleicht etwas für Yalda – allerdings nur, um die Umstände komplett umzukrempeln, jedem ein gigantisches Bruttosozialglück nebst selbstbestimmtem Leben zu verordnen und dann in Ruhe weiterschreiben zu können. Momentan arbeiten wir gemeinsam an meinem zweiten Fall. Und gerade bin ich es, der ein wenig ungeduldig ist, denn ich will doch wissen, wie die Geschichte weitergeht. Yalda berichtet übrigens regelmäßig in ihrem Autorenblog www.textgoldberlin.blogspot.de über die Fortschritte im Schreiben, ihren Alltag, Recherchen für aktuelle Projekte und vieles mehr. Wer auf dem Laufenden bleiben will, kann da gerne mal vorbeischauen. Und lasst gerne auch einen Kommentar da. Die darf ich nämlich sichten und freischalten.

Knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück ...

10. Ein herzliches Dankeschön an Jakob Roth für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Jakob Roth gesagt wurde.
*lacht* Oh, da gibt es gar nicht mehr viel zu sagen, Jakob hat das schon alles ganz treffend beschrieben. Er kennt mich einfach erschreckend gut … Ich bin gespannt, ob er mir im Lauf des zweiten Falles noch mehr von sich verrät. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass da noch Leichen im Keller schlummern. Aber das werden wir sehen.



Mehr über die Autorin erfährt man auf ihrer Homepage oder Facebook-Seite.

[INTERVIEW] Nathanael über Tanja Meurer


Tanja Meurer

Nathanael war gegen 1820 Physiker, Mathematiker und Ingenieur, ein Wissenschaftler, der sich in der Welt der Zahlen am Wohlsten fühlte, allerdings auch an mechanischen Wesen (auf Basis der Geschöpfe Jacques de Vaucansons) arbeitete. Er verlor sich in der Forschung um die Vergabe einer Seele an einen mechanischen Körper und an die Alchemie.
Etwas zu spät erkannte er, dass er seine Frau vernachlässigte und sie Stück um Stück an einen äußerst charmanten, fantasievollen Autor verlor.
Durch ihre ungewollte Schwangerschaft getrieben, nahm sie sich das Leben.
Er beging einen folgenschweren Fehler, indem er sie nachbaute und der „Puppe“ ihre Augen einsetzte.
Damit geriet auch er unter die Macht des Autors, der ihn zu benutzten begann. Fast 200 Jahre später lebt Nathanael noch immer, mal Herr seines Willens, mal Amadeos Marionette.
Unter Berlin und unter Ancienne Cologne, einer unterirdischen Enklave, die Amadeo beherrscht, befand sich sein Heim – in den Unterwelten von Berlin.
Nathanael und Amadeo stammen aus „Glasseelen – Schattengrenzen I“ (erschienen Januar 2013). Der Roman basiert auf E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“.
Nathanael hat wenige Probleme, sich über Tanja oder Amadeo auszulassen.


Die Luft ist stickig in dem kleinen Raum. Die einsame Arbeitsleuchte auf dem glatten Tisch strahlt direkt in ihr/sein Gesicht.
Er blinzelt und hebt die Hand vor seine lichtempfindlichen Augen.
„Wären Sie so freundlich, das Licht abzublenden? Ich bin derartige Helligkeit nicht gewohnt.“
Nach einem Moment lächelt er freundlich. Er entblößt gelbe, weit auseinander stehende Zähne, die lang aus seinen Kiefern ragen. Es wirkt grotesk, wenn er seinen breiten Mund verzieht.
Umständlich rückt er seine Brille zurecht und streicht eine Strähne seines feinen Spinnwebenhaars über die unförmigen Schultern. Der Ausdruck in seinem jahrhunderte alten Gesicht ist tatsächlich nicht abwertend oder überheblich.
„Vielen Dank.“

1. Was können Sie uns zu Tanja Meurer sagen - los, was müssen wir wissen?
Ruhig schlägt Nathanael die dünnen Beine übereinander. Er faltet seine großen Hände auf der Tischplatte.
„Nicht so hektisch, meine Liebe.“
Erneut lächelt er. Sein Blick verliert sich in der Dunkelheit des Raums. Für einen Moment sieht es fast so aus, als habe er vergessen, dass ihm eine Frage gestellt wurde.
„Fräulein Tanja …“ Er wiegt den Kopf. „Auch sie könnte mir gefährlich werden, aber freundlicherweise lässt sie mich nicht handeln, wie es Amadeo tat. Sie fördert meine eigentliche Natur.“

2. Aha, Sie beneiden Tanja also um etwas? Oder schlimmer, es gibt etwas, was Sie gar nicht leiden können? Wir haben also ein Motiv?
Überrascht hebt er den Blick und schüttelt den Kopf.
„Nein.“ Er überlegt kurz. Sein Blick scheint sich nach innen zu richten. „Nein, nicht wirklich, meine Liebe.“ Langsam lehnt er sich in dem Stuhl zurück. Unter seinem immensen Gewicht beginnt er zu ächzen. „Sehen Sie, ich bewundere Menschen mit Fantasie, aber ich habe gelernt, sie zu fürchten. Eine solche Mannsperson hat aus mir das gemacht, was ich heute bin – ein Monster.“
Seine Mimik hat sich verdüstert.
Unvermittelt hebt er den Kopf. Das bekannte Lächeln kehrt zurück. „Ihr nehme ich nichts übel. Sie hat mir einen Teil meiner Menschlichkeit zurück gegeben.“
Plötzlich hebt er tadelnd den Finger. „Sie schießen gern über das Ziel hinaus, nicht wahr, junges Fräulein? Ein Motiv haben wir damit noch lang nicht.“ Seine Lippen verziehen sich zu einem Grinsen diabolischen Grinsen. „Ein Motiv liegt nicht vor – oder sehen sie eine Frauenleiche?“

3. Das hört sich so an, als würde Tanja nicht ununterbrochen schreiben - was macht er/sie denn in dieser Zeit?
Er lacht auf. „Wahre Worte.“ Nachdem er sich beruhigt hat, lässt er die Fingerknöchel knacken. „Sie zeichnet – nicht nur nette Bilder von hübschen jungen Menschen oder alten Männern wie mir – nein, sie zeichnet auch Baupläne, konstruiert und beschäftigt sich mit der logischen Anwendung dieser faszinierenden Geräte … wie nennen Sie sie doch gleich?“ Grübelnd tippt er sich gegen den Kiefer. Plötzlich hält er eine Hand hoch. „Nein, sagen Sie es mir nicht, ich komme gleich darauf.“ Nachdenklich nickt er. „Ja, Ihre Computer, diese kleinen, tragbaren Varianten. Damit arbeitet sie oft. Sehr gern würde ich diese Geräte erlernen. Fräulein Tanja könnte mir dabei sicher eine Hilfe sein – aber auch in meiner Enklave. Zeichner und Konstrukteure kann ich immer gut gebrauchen, insbesondere solche, die an der Oberfläche gelebt haben und mit der neusten Bau- und Ingenieurtechnik vertraut sind. Bedauerlicherweise werde ich Fräulein Tanja kaum davon überzeugen können, in – nein unter - Berlin leben zu können. Sie mag meine geliebte Stadt nicht. Bedauerlich – wirklich bedauerlich.“
Er hebt die Hände. „Andererseits ist es gut, dass sie weit entfernt lebt. So kann wird sie nie zu einem zweiten Amadeo.“

4. Ein Trittbrettfahrer? Welchem Vorbild eifert sie nach? Ist das nur schriftstellerisch so, oder auch im »normalen« Leben?
„Ich sagte: sie könnte so werden, nicht, dass sie so wird, meine Liebe. Verkennen Sie nicht die Macht der Worte. Amadeo hielt mich nahezu 200 Jahre nur mit Worten unter seiner Kontrolle.“ Zwischen seinen Brauen ist eine steile, tiefe Falte entstanden, die sich langsam glättet. „Ich gebe zu, dass sie Hoffmann – Amadeo – sehr gern gelesen haben muss, aber ich denke, dass sie eine Regel in ihren Erzählungen beherzigt hat: Niemand ist von Grund auf Böse.“
Er faltet die Hände wieder über dem Knie. „Fräulein Tanja eifert ihm nicht nach, darin bin ich mir sicher. Sie berücksichtigt, dass jeder Mensch aus seiner Sicht positiv handelt, was natürlich nicht heißt, dass es aus dem Blickwinkel anderer gutzuheißen ist. Dass ich mordete, war moralisch verwerflich. Andererseits bot ich den Seelen eine weitere Chance – zu leben ohne je wieder krank zu werden, körperlichen Verfall zu erleiden …“
Er senkt betrübt den Kopf. „Ich weiß, dass ich mit meiner Forschung etwas Unverzeihliches in Gang gesetzt habe, aber es war nur …“
Er bricht ab. Mit einem leichten Kopfschütteln schiebt er den Gedanken von sich.

5. Gibt es Rituale, die beim Schreiben anwendet? Hängt sie bestimmter ritualistischer Musik an, oder gibt es irgendwelche berauschende Nahrungsmittel, die stets griffbereit liegen müssen?
Langsam kehrt Nathanael aus seinem emotionalen Tief zurück. Irritiert sieht er auf. „Rituale?“ Er nickt. „Zumindest für dieses Buch hatte sie Unterstützung durch eine sehr verstörende Musikform. Wie sie sich nennt, weiß ich nicht. Dazu würde ich lieber im Vorfeld Theresa oder Camilla befragen. In jedem Fall klang sie – experimentell. Sehr düster. Ich weiß, dass sie zu Bildern der Musik mein Aussehen erschuf. Das sagte sie mir. Eigentlich müsste ich ihr dafür böse sein. Aber – ist das gerechtfertigt? Jungen Damen darf man nicht allzu lang zürnen.“
Er lächelt wieder. „Zumindest das Stück gefiel mir ausnehmend gut. Es nannte sich Lamento Mortis – ein tragendes, sanftes, langsames Klagelied. Sie spielte es mir vor. Ich wünschte, ich würde diese hervorragende Sopranistin einmal auf der Bühne erleben dürfen.“

6. Wie kam Tanja auf Ihre Spur?

 Versonnen lächelt er. „Vermutlich ist die Antwort sehr komplex. Sie sollte wohl ein Buch schreiben, dass über die Berliner Unterwelten philosophierte und über das Museum, was man bereits zwei Mal über meinem Heim baute – direkt auf der kleinen Insel in der Spreegabelung.“ Langsam neigt er seinen wuchtigen Oberkörper nach vorn. „Liebes Kind, dürfte ich Sie um einen Schluck Wasser bitten?“
Er lässt sich wieder zurück sinken. Seine Mimik verschließt sich. „Unser liebes Fräulein begegnete zuerst Amadeo – wie sie sagte – auf der Suche nach einer griffigen Geschichte.“ Ein dunkler, fast drohender Ton mischt sich in seine zittrige Stimme. „Da Amadeo bis 1822 in Berlin lebte und sie seine Novellen schon zu Kindertagen liebte, nahm sie seine Erzählung „Der Sandmann“ zur Grundlage. Während ihrer Erkundung zu den Hintergründen begegneten wir uns unter – verschiedenen Umständen.“
Er verfällt in Schweigen.

7. Wissen Sie, ob sie sich Ihre Opfer immer auf diese Weise aussucht, entstehen ihre Geschichten immer so?

 Nachdenklich reibt er sein Kinn. „So weit ich weiß nicht. In den meisten Fällen orientiert sie sich an ihrer eigenen Fantasie, doch in nahezu jedem Buch befinden sich Anker zur Realität.“
Er hebt die Hand. „Bevor Sie Fragen, meine Liebe, erkläre ich es lieber genauer.“
Seine Brille scheint ihn zu stören. Er nimmt sie ab und tippt sich mit dem dünnen Metallbügel gegen die Lippen. „Sehen Sie, meine Liebe, Tanja beschränkt sich normalerweise auf ihre Heimatstadt Wiesbaden, damit auch auf die historischen Hintergründe der Stadt. Viele Andeutungen, die sie nutzt, betreffen nähere oder fernere historische Eckpunkte der Stadt. So weit ich weiß, finden auch in ihrem Anschlussbuch Hinweise auf zwei Verbrechen, die dort begangen wurden. Auch wenn ich mir sicher bin, dass sie wenig Einfluss auf die Handlung haben werden.“
Er tippt sich gegen die Stirn. „Natürlich gibt es in vielen Fällen auch lebende Personen, die die Basis ihrer Romanfiguren bilden. Das sollte ich wohl nicht verschweigen.“

Nathanael - von Tanja Meurer gezeichnet
8. Einmal ganz frech gefragt: Wieso führe ich das Verhör mit Ihnen, was macht Sie so besonders für Tanja?

 Erneut versinkt er in seinen Gedanken. Seine Hände liegen ruhig in seinem Schoß. Sein langes, weißes Haar fällt über seine Schultern.
„Das kann ich schwer erklären, meine Liebe. Ich denke, im Lauf der Zeit sind wir zu Freunden geworden. Schwer verständlich, ich weiß.“ Ein scheues Lächeln huscht über seine Lippen. „Ich weiß, was Sie nun denken. Ein Monster, ein Mörder – vor allem ein 235 Jahre alter Mann schließt Freundschaft mit einer noch recht jungen Frau. Das Geheimnis ist Vertrauen.“

9. Schauen wir uns doch einmal die Beweise an: Was wird sie als Nächstes tun? Woran arbeitet sie wohl gerade? Heckt sie einen Plan zur Ergreifung der Weltherrschaft aus? Wann werden wir neue Hinweise erhalten?

Er lacht herzlich. „Die Weltherrschaft ist ihr egal. Aber ich denke, wenn ich Fräulein Tanja davon schreibe, wird es sie auch sehr amüsieren.“
Nachdem er sich beruhigt strafft er sich auch wieder. Trotz allem zucken seine Mundwinkel noch. Die Worte haben ihn sichtlich erheitert.
„Fräulein Tanja arbeitet gerade an dem zweiten Buch, in dem ich noch nicht wieder in Erscheinung trete. Nach ihrem letzten Brief will sie sich Oliver, dem Cousin meiner lieben Camilla, widmen. Der junge Bursche hat es nicht einfach. Ihm begegnet offenbar das, was ich mit meinen Operationen immer erfolgreich verhindern konnte: Geister.“
Er schüttelt den Kopf. Nicht gut. Dem armen Burschen zolle ich all mein Mitgefühl. Allerdings habe ich Fräulein Tanja gebeten, ihm Hilfe durch Camilla zukommen zu lassen.“
Er lächelt. „Für mich war sie eine unschätzbare Hilfe, also wird sie es für diesen Burschen auch sein.“

Knipst die Lampe aus und lehnt sich zurück ...


10. Ein herzliches Dankeschön an Nathanael für die Beantwortung der Fragen. Für die letzte Frage möchte ich der Autorin selbst eine Gelegenheit geben, noch etwas loszuwerden, bzw. vielleicht auch etwas richtigzustellen, was von Nathanael gesagt wurde.

Vielen lieben Dank. Nathanael hat sich eigentlich sehr gut geschlagen. Selten kommt bei ihm noch die dunkle Seite zum Tragen. Er ist selbstsicher an die Fragen heran gegangen.
Da er sich im Lauf des ersten Buches stark ändert, wird er auch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch mehrere Auftritte bekommen. Ein Charakter wie er bietet mehr Spielraum, als man sich wünschen kann. Er ist nicht gut und nicht böse. Alles an ihm ist unheimlich. Trotzdem sucht er nur seinen eigenen Frieden.
Im vierten Buch soll er wieder auftauchen. Es geht von Wiesbaden in die Nähe von Berlin. Da lernt er auch Oliver (Der Rebell – Schattengrenzen II) kennen. Bis dahin finden er und alle anderen Personen aus Berlin/ Ancienne Cologne immer wieder Erwähnung.

Vielen lieben Dank für dieses wirklich schöne und außergewöhnliche Interview.


 Mehr über die Autorin erfährt man auf ihrer Homepage oder ihrer Facebook-Seite.
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