Dienstag, 3. Januar 2017

[REZENSION] [Visual Novel] Along the Edge

Along the Edge 
Visual Novel
Englisch/Französisch
Juni 2016
NovaBox, Frankreich


itch.io,
Steam,
Mac App Store,
iOS App Store (iPad),
Humble Store,


Inhalt:
Daphné is at a dead-end. She’s unsatisfied by her personal and professional life. So, when she inherits an old family house in a remote part of the country, she jumps at the opportunity to start anew.

Does she decide to embrace her legacy or does she hang on to her old way of life?



Heute gibt es mal eine etwas andere Rezension von uns, bzw. zu einem etwas anderen Buch: Visual Novels sind Romane in Computerspielform. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um die Art von Geschichten, bei denen man selbst mitbestimmt, wie sie weitergehen und enden.





 Meine Meinung:

Ich kenne Visual Novels hauptsächlich aus dem Romancebereich mit den typischen "hier hast du 3-5 Kerle, such dir einen von ihnen aus und spiel dessen Liebesgeschichte durch"-Plot. Diese Spiele rangieren von harmlosen Jugendromanplots bis hin zu Erotikgeschichten und was das Niveau sowohl der Geschichte, Figuren als auch des Schreibstils angeht, ist hier - wie im normalen Buchmarkt auch - ebenfalls alles vorhanden.

Along the Edge ist jedoch etwas gänzlich anderes. Was vielleicht auch daran liegt, dass es sich hierbei nicht um ein japanisches Spiel handelt, sondern von einem französischen Team stammt.

Along the Edge ist für eine erwachsene Zielgruppe geschrieben, freigegeben ab 12 (es kommen Alkohol und Zigaretten vor, leichte Horror/Angst-Themen und Sex wird angedeutet). Die Geschichte spielt im ländlichen Frankreich, wohin wir die 30jährige Daphné begleiten. Daphné hat gerade ein äußerst hartes Jahr hinter sich (erst starb ihr Kind kurz vor der Geburt, dann scheiterte ihre Beziehung), als sie von ihrer Großmutter (die sie nie kennenlernte, weil ihre Mutter mit ihr wenige Tage nach der Geburt ihr Heimatdorf verließ) ein kleines Château, in das sie für die nächsten Monate ziehen will.

Trailer zum Spiel:




Wir lernen Daphné kennen, als sie ihrem Psychiater von dieser bevorstehenden Veränderung in ihrem Leben erzählt und schon in diesem Gespräch stehen uns die ersten Dialogentscheidungen zur Verfügung, die Daphnés Zukunft bestimmen werden. Dabei fällt einem direkt auf, dass eines oder zwei der Symbole am oberen Bildschirmrand je nach gegebener Antwort aufleuchten. SPOILER Der Globus für wissenschaftlich geprägte Ansichten, der Stern für magisch geprägte Ansichten, die Sonne für nette und der Mond für ... sagen wir direktere Dialogoptionen.


Im Heimatdorf ihrer Vorfahren angekommen, wird Daphné bald mit einem alten Streit konfrontiert: Die Familie Malterre, unter deren Fuchtel das ganze Dorf zu stehen scheint, liegt seit über hundert Jahren mit Daphnés Familie im Klinch. Als wäre das nicht genug, erfährt Daphné auch noch, dass ihre Großmutter als Hexe verschrieen ist und auch ihr selbst schlagen die Vorurteile einiger Dorfbewohner bald entgegen. Aber an dem Gerede von Hexen und Flüchen kann unmöglich etwas dran sein, richtig?

Tja, die Antwort auf diese Frage liegt auch ein wenig in der Hand des Spielers. Zumindest im Bezug auf Daphne selbst. Glaubt ihr an Magie oder haltet ihr das für absoluten Unsinn? Jede Entscheidung, jeder Dialog, jeder Schritt, den Daphné tut, führt zu Veränderungen in ihrem Leben ... und an ihr selbst. Das Bild über dem vorstehenden Absatz mit Mr. Bourtine zeigt Daphne zu Beginn des Spiels. Das folgende Bild ist eine Möglichkeit, wie sie gegen Ende aussehen kann, abhängig von euren Entscheidungen.


 Along the Edge ist auf jeden Fall ein Spiel für eine erwachsene Zielgruppe, da haben die Entwickler keine falsche Vorstellungen geweckt. Die Geschichte eignet sich hervorragend für einen gemütlichen Nachmittag oder zwei (wenn man nicht so lange am Stück spielen will) auf der Couch. Sie hat melancholische, geradezu traurige Elemente, nicht zuletzt wegen Daphnés Ausgangssituation, die auch später im Spiel noch einmal behandelt wird und nicht einfach übergangen wird. 80.000 Wörter in Englisch und Französisch kündigt das Entwicklerteam an.

Auch von künstlerischer Seite ist das Spiel eindeutig erwachsen - und einfach atemberaubend schön! Es ist nicht verwunderlich, dass es die Artworks zum Spiel zu kaufen gibt. Die Hintergründe der einzenlen Szenen sind liebevoll gestaltet, wie man auch auf dem folgenden Bild, welches eine Straße im Dorf darstellt, noch einmal sehen kann. Über 450 von Hand gezeichnete Vollbildillustrationen und 20 Figuren mit mehr als 400 verschiedenen Varianten und Gesichtsausdrücken (darunter allein 38 mögliche Aussehen für Daphné) sind im Spiel enthalten.


 Daphné ist eine sympathische Hauptfigur, die Dialoge schießen nie über das Ziel heraus (sie wirkt bei den freundlichen Antworten nie naiv oder einfältig und auch die harscheren Reaktionen sind sehr gut geschrieben und fühlen sich selbst bei einer Daphné, die man meist nett spielt, nicht unglaubwürdig an). Auch die Nebenfiguren kann man schnell lieben bzw. hassen lernen.

Das Besondere an Visual Novels ist ja, wie schon eingangs erwähnt, dass man die Geschichte mitbestimmt und somit auch ihr Ende. Bei Along the Edge gibt es - auch das ist mir bisher selten untergekommen - kein "schlechtes" Ende. Es gibt kein "Game Over". Die Geschichte endet auf unterschiedliche Weisen, mit ganz verschiedenen Details, die sich aufgrund der Spielweise verändern, aber es gibt nicht "das eine wahre Ende". Das kann sich der Spieler tatsächlich selbst aussuchen, indem er auf das Ende zuspielt, das ihm am meisten zusagt.

Die Entwickler werben mit 60 verschiedenen Ausgängen des Spiels und 28 Errungenschaften, die es freizuschalten gibt. Es gibt 6 verschiedene Enden für die eigentliche Geschichte, 4 verschiedene Schicksale für die Hauptfigur, 3 verschiedene Arten, wie ihr Liebesleben am Ende aussieht und etliche kleinere Plotelemente (wie das Überleben/Sterben von Nebenfiguren).

Es ist auf jeden Fall ein Spiel, dass sich hervorragend wiederspielen lässt, einfach, weil man doch so viel an der Geschichte verändern kann. An einigen Stellen bleiben die verschiedenen Optionen bestehen und man kann alle auf dem Bildschirm vorhandenen Möglichkeiten "abarbeiten" (so etwas wie "Rede mit XY", "Gehe zu AB", "Ruf AZ an"), an anderen Stellen verschwinden die anderen Optionen, wenn man eine gewählt hat und sie kommen auch in diesem Spielverlauf nicht mehr wieder.

Um alles freizuschalten, braucht man laut Entwicklerteam 6-8 Durchgänge. Natürlich ist das kein Muss. Wer die Geschichte wie einen einzigen Roman betrachtet, kann sie auch schlicht einmal spielen. Ich muss allerdings zugeben, Along the Edge ist die erste Visual Novel, die ich rein für die Geschichte noch mehrmals spielen werde, nicht nur, um alle möglichen Varianten einmal erlebt zu haben, denn die Geschichte selbst ist wirklich toll.

Bevor ich mich jetzt also in einen weiteren Durchgang vertiefe, bleibt mir nur noch, der Geschichte, den Illustrationen und dem Spiel als Ganzes 5 volle Lesekatzen zu verpassen.




(Als kleiner Tipp: Aktuell ist das Spiel bei Steam im Wintersale zu haben!)

Hier könnt ihr die ersten 10 Minuten des Spiels auf Englisch sehen und auch schon ein Gefühl dafür bekommen, wie viele Entscheidungen es tatsächlich zu treffen gibt:




(Die Screenshots und Videolinks in diesem Beitrag stammen aus der Press Kit-Seite der Entwickler)

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